Liebe Blogger, Twitterer, Denker, Schreiber, Netzer und Internet-affine,
ich verfolge seit geraumer Zeit die „Zensursula-Debatte“ aufmerksam und habe immer und stets mit Euch sympatisiert. Aber das was ihr an „Scheiße“, „Häme“ und „Arroganz“ in den letzten Tagen über die SPD -somit auch auf mich als Mitglied- einprasseln lasst, ist nicht nur unangebracht,es ist vielmehr ungerechtfertigt und im Ergebnis gar politisch gefährlich, weil es dauerhaft den Glauben in politische Institutionen schädigt, die unsere Demokratie tragen. Ich nehme Euch das elitäre Verhalten und Denken nicht übel, dass ist wichtig, damit kreatives und teilweise progressives Denken frei und unabhängig entstehen kann. Was ich der Szene und ihren Vertretern übel nehme und was ich ebenso gefährlich finde wie die Zensurvorhaben an sich, ist die nun von Euch angekündigte dauerhafte Torpedierung politischer und gesellschaftlicher Institutionen. Ihr behauptet, ihr wüsstet jetzt schon ganz genau, was nach der Verabschiedung des Gesetzes passieren wird und dass die Zensur-Infrastruktur früher oder später missbraucht werden wird. Nur um das hier ganz deutlich zu machen, ich halte die Tendenzen einen gesellschaftlichen Raum zu zensieren bzw. teile davon zu „sperren“ ebenfalls für äußerst problematisch.
Allerdings haben alle Gegner dieses Gesetzesvorhabens es versäumt rechtzeitig die politischen Kanäle zu bespielen und eine öffentliche Front gegen Bild und CDU aufzubauen. Spätestens in der letzten Woche, als die Brisanz der Situation endgültig deutlich wurde, hätten die „Köpfe“ bzw. „Stimmen“ der Blogosphäre Präsenz zeigen müssen.
Wo waren die Blogger letzten Samstag, als die Abstimmung im SPD Präsidium stattgefunden hat? Ich habe nur Björn Boehning gesehen, der den Antrag im Präsidium vorgestellt hat.
Wo waren die Blogger als die Abgeordneten ihre Abstimmung in der Fraktion geprobt haben? Statt Drohungen auszusprechen wäre es sinnvoll gewesen den Initiativantrag Schäfer-Gümbels und Böhinings aktiv zu stützen.
Was hätte es für einen Eindruck gemacht, wenn 20 Blogger -inklusive dem einflussreichen Online Beirat – im Willy Brandt Haus gestanden hätten, mit der Aussage „Dann lass die Bild sich austoben, wenn ihr das durchzieht, beweisen wir welche Macht im Netz steckt und stellen uns gegen alles was die Bild zu diesem Thema an Schwachsinn verbreitet“.
Das wäre politisch klug und wesentlich wirksamer gewesen als jetzt einen „Sturm aus Scheiße“ loszuschicken, der bei Menschen, die sich nicht sodifferenziert mit politischen Vorgängen auseinandersetzen, den Glauben an die Politik nachhaltig beschädigt, in einem Maße, das der Sache nicht gerecht wird. Nun sehe ich nur eine Lösung, die konstruktiv und demokratisch ist: Tretet ein in die SPD und kämpft in den Strukturen, die Euch die Partei bietet dafür, dass wir die Netzpartei werden. Gründet AGs und AKs, schreibt Anträge und bringt diese ein und beweist, das dass Internet nicht nur ein Spielplatz einer gesellschaftlichen Splittergruppe ist, sondern teil des Wohnzimmer der Gesamtbevölkerung und somit alle angeht. Schenkt den Institutionen euer Know How und Euer Engagement und helft denen, die es bisher nicht besser wissen, es besser zu machen.
18 Juni, 2009 at 03:35
Zur Erklärung: meinen Polititstil nennt man (also ich) im allgemeinen (hab ich mir grad ausgedacht) den „gesprächsbereiten Scheißesturm“. Maximaler Druck durch gezieltes Arschgetrete, aber in der Argumenten sachlich und in der Sache verbindlich. Man (ich) vergleicht das gerne mit einer HirnOP mit einer Hilti. Die Spätfolgenforchung ist noch nicht abgeschlossen.
18 Juni, 2009 at 06:20
Ach die Gegner des Gesetzes sind jetzt die Schuldigen, weil sie die SPD nicht eher gewarnt haben? Dein Elfenbeinturm ist aber ganz schön hoch!
18 Juni, 2009 at 06:59
Wir sollen also als Belohnung jetzt in die SPD eintreten, die trotz Expertenrat und 130.000 Mitzeichnern der Petition (die sich auch schon mal öffentlich als Kinderschänder bezeichnen lassen mussten) Zensur in Deutschland eingeführt hat????
Wo ist die Logik? Der Verräterpartei hat es besser gewusst und trotzdem so gehandelt.
Hoffentlich scheitert ihr in ein paar Jahren an der 5% Hürde. Mühe in diesen widerlichen Drecksverein stecken? Wozu? Die SPD ist beyond repair.
18 Juni, 2009 at 08:27
(Wieder 😉 ) in die SPD eintreten? Die Partei von Hartz IV und nun auch der Zensur? Ne, been there, done that. Die Sozialdemokratie findet nicht mehr in der SPD statt.
18 Juni, 2009 at 08:28
„Wo waren die Blogger letzten Samstag, als die Abstimmung im SPD Präsidium stattgefunden hat?“
Die standen am Eingang und haben Aufklärungsarbeit geleistet, indem sie Flyer verteilt und mit den Leuten gesprochen haben.
18 Juni, 2009 at 08:29
„kämpft in den Strukturen, die Euch die Partei bietet dafür, dass wir die Netzpartei werden“
In der SPD? Wo denn? Beim Skatabend oder Grünkohlessen mit der AG 60plus?
Nee, laß mal.
18 Juni, 2009 at 08:31
Is ja nun nich‘ so, als gäb’s nicht neben der SPD noch andere Parteien. SPD hat sich als unfähig erwiesen, und die SPD-Mitglieder, die in den internen Strukturen nichts gemacht haben* (oder zu wenige, zu wenig engagiert) gewesen sind, um was zu erreichen, müssen jetzt halt ein bißchen Wut ertragen.
* Z.B. ist mir immer noch unklar, wie ein Parteivorstand und ein Parteitagspräsidium die ja offensichtlich von vielen Seiten erwünschte Auseinandersetzung um Netzzensur einfach bei Seite wischt – und niemand in den Strukturen der Partei SPD so laut widerspricht, dass zumindest mal drüber geredet und abgestimmt wird. Wenn’s schon dafür Hilfe von draußen braucht – und so verstehe ich „Wo waren die Blogger letzten Samstag, als die Abstimmung im SPD Präsidium stattgefunden hat?“ – dann ist die SPD wirklich für die Netzgeneration verloren. Übrigens waren die Blogger und Tweets dazu durchaus vorhanden!
18 Juni, 2009 at 08:37
Haha, klar, die nicht-SPDler sind Schuld, dass die SPD nicht anders konnte als eine Internetzensur zu ermöglichen *lol*
18 Juni, 2009 at 08:44
1. Ja, dass die SPD soviel abkriegt wirkt vielleicht „ungerecht“, zumal das Gesetz ja primär eben auf Initiative von Zensursula / der CDU zurückgeht. Aber die SPD war halt zeitweise (und zwar in sehr vielen Fragen) der Hoffnungsträger gewisser Bürger. Ist sie nun nicht mehr.
2. Den Glauben in politische Institutionen schädigen nicht 130tausend Petionszeichner, sondern eben gerade solche undemokratischen Gesetzesentwürfe. Die sog. Politikmüdigkeit ist wirklich, wirklich völlig gerechtfertigt. Und wenn dann demokratische Initiative noch so abwertend kommentiert wird… tja, was ist da gefährlicher?
Und das hier, „… haben alle Gegner dieses Gesetzesvorhabens es versäumt rechtzeitig … eine öffentliche Front gegen Bild und CDU aufzubauen“, finde ich absolut richtig. Und das muss auch dringend kommuniziert werden. Sonst endet das alles nach gründlicher Schwächung der SPD im Herbst mit einer schwarz-gelben Regierung. Fraglich, ob DIE Kombination das heute anders gemacht hätte…
Dennoch: Die SPD hat heute de facto den Mitläufer gegeben.
18 Juni, 2009 at 08:47
Der Eindruck, dass nur gemotzt und nicht gehandelt wird, trügt. Es gibt regelmäßig Demonstrationen, Kundgebungen und Mahnwachen ihn vielen großen Städten.
Die nächste große Demonstration findet bereits am 20. Juni statt (www.loeschenstattsperren.de).
Auch wurde die ganze Zeit über der Dialog mit den Regierungsparteien gesucht, beispielsweise durch den AK Zensur.
Der hat mit dem gestrigen Tag aber seine Diskussionsbereitschaft beendet, weil deutlich geworden ist, dass es keine Bemühungen seitens der Regierung gibt, den Dialog weiterzuführen. Ohne den Widerspruch der Oppositionsparteien wäre der ursprüngliche Gesetzentwurf in dieser Form zur Abstimmung gekommen und das, obwohl es viele kompetente Einsprüche gab. Übrigens hat sich auch der Online-Beirat der SPD durch das Gesetz von der SPD losgesagt.
„Sollte es mit der Unterstützung der SPD-Fraktion zu den Netzsperren kommen, werden die unterzeichnenden Mitglieder des Online-Beirats die Beirats- und Repräsentationstätigkeit bis auf Weiteres ruhen lassen.“
(http://blogs.taz.de/ctrl/2009/06/18/spd-online-beirat_meutert)
18 Juni, 2009 at 09:56
Warum Leute keine Lust mehr haben, sich in der SPD für ihre Belange zu engagieren, würde ich zuerst mal diejenigen fragen, die zu den Linken gewechselt sind – oder die, die jetzt ihr Parteibuch gegen das von den Piraten wechseln – oder die, die keine Lust mehr haben, die SPD in Sachen Internet weiter zu beraten.
Ein wütender Artikel in einem Blog trägt zur Parteienverdrossenheit nicht viel bei. Dafür braucht man keine Blogs, das schaffen die Parteien schon selbst.
18 Juni, 2009 at 10:34
ja ne, is klar…wir treten jetzt alle in eine partei ein, der man nicht mehr vertrauen kann, die sich selbst ins abseits katapultiert hat. du machst es dir da ein bisschen zu leicht, mein freund.
ich persönlich werde morgen der piratenpartei beitreten, die spd kann gerne in der versenkung verschwinden – die cdu natürlich auch, nur leider ist der grossteil deren mitglieder zu festgefahren und nicht fähig sich anders zu orientieren. zum glück ist das bei vielen spd mitgliedern noch nicht der fall, ich bin mir sicher, dass ihr den mitgliederschwund schon sehr bald bemerken werdet, und das ist gut so.
18 Juni, 2009 at 11:14
Ich kann jede Zeile unterschreiben. Nicht, dass jetzt alle in die SPD eintreten müssten – aber diese billige, pauschale Schmähung der Sozialdemokratie hat diese Netzbewegung mit Sicherheit viel Sympathien und viele Möglichkeiten gekostet. Der Riss geht doch mitten durch die SPD, anhand der Geburtenjahrgänge. Die Fraktion ist nicht die Partei. Es hätte so viele Anknüpfungspunkte gegeben, bei Böhning, bei Tauss, bei den Jusos, beim Onlinebeirat. Sehr, sehr viele Sozialdemokraten haben die Petition unterschrieben. Aber statt im Sinne der Sache und taktisch klug vorzugehen, haben sich die Protestler vor den Karren der Karren von Grüne und FDP spannen lassen und haben ihren potentiell besten Verbündeten beschimpft und folglich mehrheitlich verloren: die Mitglieder der SPD. Das entschuldigt nicht die Entscheidung der SPD-Abgeordneten im Bundestag, kein Stück. Aber es erklärt sie. Es hätte mehr Weg, mehr Möglichkeiten, mehr Ansatzpunkte, mehr Demonstranten, mehr Pressearbeit, mehr von allem gegeben. Die’Sturmscheißer‘ haben sich gegen diesen Weg entschieden. Dazu müssen sie jetzt auch stehen.
19 Juni, 2009 at 03:29
„… komm, mit an Bord …“ *summ
19 Juni, 2009 at 04:20
„Tretet ein in die SPD und kämpft in den Strukturen, die Euch die Partei bietet dafür, dass wir die Netzpartei werden.“
wenn ich gegen die NPD bin trete ich ja auch nicht bei und versuche sie von innen zu ändern.
Ich wähle sie einfach nicht (oder im Falle der SPD nicht mehr) und versuche dafür zu sorgen, dass sie in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.
19 Juni, 2009 at 01:24
Es ist nicht die Funktion eines Mehrparteiensystems, ungeliebte Parteien von Innen zu verändern, sondern abzuwählen bzw. sich bei der Konkurrenz zu engagieren. Und natürlich muss man Parteien zuallererst anhand ihrer Entscheidungen beurteilen. Dennoch: Politik ist mehr als das. Die eigene Wahlentscheidung bzw. – noch schlimmer – grundsätzliche Meinung zur parlamentarischen Demokratie von diesem einem Thema abhängig zu machen, ist doch stark verkürzt. Sozial-, Außen-, Umwelt-, Bildungs- oder von mir aus Fischereipolitik haben auch ihre Relevanz. Zur Wahl steht das Gesamtpaket, nicht einzelne Aspekte.